LKW Maut
„Einfach
nur dilettantisch"
Wettringen - Alfons Krümpel ist ein
besonnener Mann. Er will die LKW-Maut nicht sofort
verdammen. Doch die Irrfahrt von Politik und Industrie, die
jetzt abgelaufen ist, lässt den Wettringer Spediteur nur
noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
"Dilettantisch", sagt er,
"einfach nur dilettantisch." Er muss es wissen,
denn seine LKW-Fahrer von Jumbo-Transfer leben tagtäglich
mit der Maut. Seit Jahren. Immer, wenn es über die Alpen
nach Italien geht, ist Zahltag angesagt. Dann wird Maut
kassiert, in der Schweiz zum Beispiel. "Die haben ein
ganz einfaches System, aber das funktioniert."
Eine kleine Box ("Go-Box")
kann für fünf Euro an jeder Tankstelle gekauft werden,
die Daten des LKW werden eingegeben und aktiviert, bei Auf-
oder Abfahrten an Autobahnen schaltet eine Lichtschranke
die Box "scharf", anschließend wird automatisch
abgerechnet. 2004 will auch Österreich dieses System einführen.
So ein Super-System...
"Aber wir in Deutschland müssen
so ja ein Super-System einführen, das alles kann",
kritisiert Krümpel. In sieben der für ihn fahrenden LKW
seien die "Dinger" von Toll Collect (dem
Betreiberkonsortium, dem u.a. Daimler Chrysler und die
Deutsche Telekom angehören) schon eingebaut, "aber es
läuft vorne und hinten nicht. Wir warten jetzt erst mal
ab."
Der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn
(CDU), der am Montag der Spedition Jumbo-Transfer auf
Einladung der Ortsunion einen Besuch abstattete, kann dem
Unternehmer in seiner Kritik nur beipflichten. Spahn
spricht von einem riesigen Image-Schaden für die deutsche
Politik und Industrie. "Dosenpfand können wir schon
nicht, und jetzt auch noch das!"
Allerdings könne das Schweizer Modell
nicht 1:1 übernommen werden, und im Grunde sei die
deutsche Technologie herausragend " mit der Chance,
2008 EU-weit Standard zu werden.
Maut im Prinzip gut
Doch es sei eben illusorisch gewesen,
man könne die Technik in dieser Eile einführen. "Da
arbeiten elf Firmen an unterschiedlicher Software, die
zusammengefügt werden muss." Dass der Zeitrahmen
nicht einzuhalten sei, so Spahns Kritik, hätte die
Bundesregierung vorher wissen müssen. "Und gegen die
Einnahmeausfälle hätte man sich vertraglich absichern müssen."
Dass künftig überhaupt
Lastwagen-Maut in Deutschland erhoben werden soll, hält
Spahn im Prinzip für richtig. "Wir sind ein riesiges
Transitland, und wer die Autobahnen kaputt fährt, soll
auch zahlen." Nur müsse das eingenommene Geld wieder
in die Verkehrs-Infrastruktur fließen, und vor allem müssten
zeitgleich Entlastungen für die deutschen Spediteure
geschaffen werden. "Kurz gesagt: Steuern runter",
so Spahn.
Denn die deutschen Spediteure
"arbeiten an der absoluten Schmerzgrenze, zumindest für
alle kleinen und mittelständischen Unternehmen gilt
das", unterstreicht Alfons Krümpel. Die Maut, so hat
er ausgerechnet, werde jede LKW-Fracht um rund 100 Euro
verteuern. "Und das müssen wir auf die Kunden
umlegen, wer behauptet, er könne das auch anders, hat
vorher betrogen", spricht Krümpel Klartext.
Er ist enttäuscht von all den Ankündigungen,
die Maut werde finanziell ausgeglichen. Auch hier sei das
Stolpe-Ministerium dilettantisch vorgegangen und habe sich
in Brüssel die Leviten lesen lassen müssen.
Rahmen stimmt nicht
In Deutschland, so Krümpel, stimmten
einfach die Rahmenbedingungen für die Branche nicht. Im
benachbarten Ausland, insbesondere auch in Holland, seien
Steuern und Sozialabgaben geringer, gäbe es für Diesel Rückerstattungen.
120000 LKW seien in Deutschland innerhalb eines Jahres vom
Markt verschwunden, verdeutlicht Krümpel den Abwärtstrend.
Ein Beispiel sei das Tanken "
nicht mehr bezahlbar. "Wir tanken nur noch auf unseren
Touren in Holland oder in Österreich, da ist der Diesel
viel billiger", so Krümpel, der weiß, dass dem
deutschen Staat damit viel Steuergeld verloren geht.
"Aber was sollen wir machen""
Getankt wird woanders
Die Zahlen, die er nennt, sind
gewaltig: 2002 tankte Jumbo-Transfer noch 1,2 Mio. Liter
Diesel in Deutschland, in diesem Jahr sind es bis jetzt
gerade mal 17000 Liter. Kein Wunder, sagt Krümpel:
"Eine Tankladung macht 1000 Liter aus. In Deutschland
kostet der Liter Diesel 82 Cent, in Holland 70, in Österreich
71 Cent. Da kommt was zusammen."
Jens Spahn, der junge Abgeordnete,
nahm die Sorgen des mittelständischen Unternehmers, zu
denen auch die in Deutschland völlig unzureichende
Qualifikation ("Jeder Hilfsschüler mit einem bei der
Bundeswehr geschenkten Führerschein kann LKW-Fahrer
werden") gehört, mit auf den Weg zurück nach Berlin.
Viel Vertrauen hat Krümpel indes nicht: "Wir
Unternehmer können den Politikern nicht mehr
glauben."Gerald Meier-Tasche
Quelle: MZ - 07. 10. 2003
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